Mit der Fortbildungsreihe zum nachhaltigen Veranstaltungsmanagement „Events for Future“ haben die IBB „Johannes Rau“ Minsk und das IBB Dortmund (IBB gGmbH) in Kooperation mit dem Zentrum für Umweltlösungen in Minsk einen Nerv getroffen: Fast 200 Interessierte aus Belarus hatten sich um eine Teilnahme an der vom deutschen Auswärtigen Amt geförderten Weiterbildung beworben. Dabei war sie für nur 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer  geplant. Am Samstag,  27. Februar 2021, endet das Projekt mit der Übergabe der Zertifikate an die Absolventinnen und Absolventen. Wir sprachen mit Lars Schmidt, seit 2019 Referent für Nachhaltigkeit in der IBB „Johannes Rau“ in Minsk im Rahmen einer vom Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) geförderten Stelle, der die Reihe entwickelt hat.

Frage: Herr Schmidt, Sie hatten die Fortbildungsreihe im Jahr 2019 konzipiert und als Blended Learning geplant, also als Kombination aus Präsenz- und Online-Terminen. Hatten Sie etwa schon so früh damit gerechnet, dass die Pandemie neue Weiterbildungs-Formate nötig machen wird?

Lars Schmidt (lacht): Nein, das konnten wir damals natürlich überhaupt nicht wissen! Damit hat ja niemand gerechnet. Aber es war ein absoluter Glücksgriff! Denn so konnten wir unsere Seminarreihe trotz der Pandemie ohne nennenswerte Einschränkungen anbieten. Unsere Überlegung bei der Planung war eine andere: Wir wollten von vornherein die Zahl der Präsenztermine verringern im Sinne der Nachhaltigkeit. Und wir wollten die Bildungsbausteine so anlegen, dass sie auch nach dem Ende dieser Seminarreihe weiteren Interessentenkreisen zugänglich gemacht werden können.

Frage: Sind Seminare vor Ort, zum Beispiel in der IBB „Johannes Rau“ denn bisher zwangsläufig nicht nachhaltig? 

Lars Schmidt: Das kommt darauf an. In der IBB „Johannes Rau“ in Minsk zum Beispiel spielt das Thema Nachhaltigkeit schon seit vielen Jahren eine wichtige Rolle und die hohen Maßstäbe werden zunehmend auch auf interne Prozesse und Abläufe angewendet. Ganz generell ist aber bei vielen Großveranstaltungen immer noch viel zu oft zu beobachten, dass zum Beispiel Mineralwasser in Einweg-Plastikflaschen angeboten wird. Banner, Plakate, Flyer und Give-Aways wurden in der Vergangenheit oft speziell für ein bestimmtes Event produziert – und nicht verbrauchtes Material am Ende einfach weggeschmissen. Expertinnen und Referenten wurden teilweise für einen einstündigen Vortrag eingeflogen und auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen ja zu einem Präsenzseminar anreisen. Auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so erscheint, so gibt es doch sehr viele Handlungsfelder, um eine Veranstaltung nachhaltiger zu machen. Es erfordert nur die notwendigen Kenntnisse, etwas Kreativität und natürlich die Bereitschaft, auch einmal zu experimentieren. Im Sinne eines „words into action“ wollten wir die Teilnehmenden mit unserem Kurs dafür sensibilisieren und gleich mitnehmen auf die Reise. Apropos Reisen und Experimentieren: In einer praktischen Übung haben die Teilnehmer u.a. einen nachhaltigen Moderatorenkoffer entwickelt, den sie zur Abschlussveranstaltung präsentieren werden.  Mit unserem Ansatz möchten wir die eigenen Werte von vornherein sichtbar machen. Das gemeinsame Handeln wirkt oft besser als jedes noch so schöne Plakat.

Frage: Wie lautet denn Ihre Empfehlung hinsichtlich der Mobilität? Sollten Tagungen und Seminare vor Ort in Zukunft aus Gründen der Nachhaltigkeit verringert oder vielleicht sogar ganz abgeschafft werden?

Lars Schmidt: Ich bin mir sicher, dass Reisen auch in Zukunft eine große Rolle spielen wird. Denn auch ein noch so gut gemachtes Online-Seminar kann eine persönliche Begegnung nicht ersetzen. Wir alle kennen die inspirierenden Begegnungen in den Pausen, den kurzen persönlichen Austausch, der die reine Wissensvermittlung vertieft und neue Beziehungen zu Gleichgesinnten anbahnt. Ich gehe daher davon aus, dass sich in Zukunft hybride Veranstaltungsformate durchsetzen werden, wobei es darum gehen wird, Elemente der Live-Kommunikation mit Elementen virtueller Kommunikation zu verknüpfen, um allen Teilnehmern ein hohes Maß an Interaktion zu bieten. Aber auch bei diesen Formaten lohnt es sich durchaus, über die entstehenden CO2-Emissionen und den Ressourcenverbrauch nachzudenken. Wenn Expertinnen und Experten eingeflogen werden sollen, lohnt es zum Beispiel, Direktflüge ohne Umsteigen vorzuziehen – weil beim  Start und im Steigflug besonders viel Kerosin verbraucht wird und somit jede Zwischenlandung ein zusätzlicher Klimakiller ist. Zudem gibt es die Möglichkeit, den CO-2-Ausstoß von Flugreisen zu kompensieren. Der finanzielle Ausgleich fließt dann zum Beispiel in Aufforstungsmaßnahmen.

Frage: Gibt es auch Einsparpotenziale hinsichtlich der Mobilität der Teilnehmenden?

Lars Schmidt: Aber sicher! Wenn Veranstaltungen zum Beispiel von vornherein zeitlich und räumlich so konzipiert werden, dass sie gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können. Oder wenn wenigstens ein Shuttle vom Bahnhof oder Flughafen zum Veranstaltungsort organisiert wird, um Einzelfahrten zu bündeln. Über diese Fragen hat man früher einfach weniger nachgedacht.

Frage: Zum nachhaltigen Veranstaltungsmanagement gehört ja auch das Thema Inklusion. Haben Sie vielleicht auch zu diesem Thema Tipps, die schon bei der Planung einer Veranstaltung berücksichtigt werden sollten?

Lars Schmidt: Beim Thema Inklusion denken viele zuerst an Barrierefreiheit und dieses Thema wird bei vielen Veranstaltungen auch schon mitgedacht. Aber Inklusion bedeutet ja in Wirklichkeit noch viel mehr: So lohnt es sich genauer hinzuschauen, ob alle denkbaren Zielgruppen teilnehmen können wie zum Beispiel interessierte Mütter, für die aber eine Kinderbetreuung sehr wichtig ist.

Frage: War diese Veranstaltungsreihe denn wirklich CO2-neutral?

Lars Schmidt: Um eine Veranstaltung „klimaneutral“ durchzuführen gilt grundsätzlich folgender Dreiklang: Vermeiden – Vermindern – Kompensieren. Das heißt, dass zunächst über Maßnahmen mit hohem Reduktionspotenzial nachgedacht werden muss. Natürlich kann ich dadurch die CO2-Emission einer Veranstaltung nicht auf Null senken. Dafür gibt es das Instrument der CO2-Kompensation, was ich bei den Flugreisen bereits erwähnt hatte. Wir haben trotz Pandemie versucht, alle Veranstaltungen in einem hybriden Format durchzuführen, natürlich unter Beachtung aller Sicherheitsempfehlungen der zuständigen Stellen. Dabei haben wir viele Einsparungspotenziale genutzt. Für die beiden Veranstaltungen an der IBB „Johannes Rau“ Minsk zum Auftakt und zum Abschluss haben wir dann eine Kompensationszahlung geleistet.  

Frage: Die Nachfrage war so immens groß. Ist denn eine Wiederholung geplant?

Lars Schmidt: Das könnten wir uns schon gut vorstellen. Möglicherweise werden wir einige Ideen zum nachhaltigen Veranstaltungsmanagement in die Wochen der Nachhaltigkeit im Rahmen des Förderprogramms Belarus einfließen lassen. Unsere Bildungsbausteine werden zudem weiter verwendet. Voraussichtlich werden wir ab Ende März unsere Kursinhalte auf der Moodle-Plattform für einen erweiterten Teilnehmendenkreis öffnen zum Selbststudium. Zudem ist angedacht, dass wir auch noch Begleitmaterial für Lehrkräfte erarbeiten. Bisher gibt es noch nichts Vergleichbares. Wir haben mit dieser Veranstaltungsreihe für den russischen Sprachraum wirklich Pionierarbeit geleistet!

Eine Neuauflage der Fortbildung wäre auch denkbar.  Aktuell suchen wir allerdings nach einer Finanzierung.

Frage: Wenn die Absolventinnen und Absolventen am Sonnabend ihr Zertifikat erhalten wird allerdings wieder Papier bedruckt, also auf lange Sicht Wegwerfmaterial produziert, oder?

Lars Schmidt: Aber nein! Auch hier haben wir versucht, kreativ zu sein. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten ein essbares Zertifikat! Und für den Fall, dass doch jemand das Zertifikat später einmal seiner Bewerbung beifügen möchte, gibt es die Urkunde außerdem in elektronischer Form.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Mechthild vom Büchel.

Foto: @ibbminsk

2021-03-26T16:15:01+00:00